Ich muss Ihnen gleich zu Beginn etwas gestehen, damit Ehrlichkeit zwischen uns herrscht: Ich habe diese Studie dreimal gelesen, und nach jeder Lektüre sass ich länger still, als es sich für einen vernünftigen Menschen gehört. Nicht weil die Zahlen so erstaunlich wären. Zahlen erstaunen nur Buchhalter. Sondern weil hinter den Zahlen etwas steht, das uns ansieht. Etwas, das wir vor zweihundert Jahren in den Keller gesperrt haben, und das nun, in den Fragebögen von viertausend Fremden, leise an die Tür klopft.
Die Studie, von der ich spreche, erschien 2019 in PLOS ONE. Roland Griffiths und seine Kollegen an der Johns Hopkins University befragten 4'285 Menschen, die angaben, einer Sache begegnet zu sein, für die unsere Sprache nur verlegene Wörter hat: Gott, die Höhere Macht, die Letzte Wirklichkeit. Ein Teil dieser Menschen hatte die Begegnung nüchtern, im Gebet, in der Krise, im Schlaf, mitten im gewöhnlichen Leben. Die anderen unter Psilocybin, LSD, Ayahuasca oder DMT.
Und nun frage ich Sie, lieber Leser, und ich frage es nicht rhetorisch, ich frage es so, wie man einen Mann fragt, dem man nachts auf einer Brücke begegnet: Was erwarten Sie? Dass die Nüchternen von Engeln sprechen und die Berauschten von Farbstürmen und sonst nichts? So hätte es das aufgeklärte Jahrhundert gern. So wäre die Welt aufgeräumt.
Aber die Welt ist nicht aufgeräumt. Sie war es nie.
Was die Viertausend sagten
Die Berichte glichen einander. Nicht in den Details, Details lügen immer, sondern im Kern. Eine überwältigende Mehrheit in jeder Gruppe beschrieb das, was ihr begegnete, als bewusst, als wohlwollend, als intelligent, als heilig, als existierend in einer Wirklichkeit, die realer schien als diese hier, die, in der Sie diesen Text lesen und ich ihn schreibe. Realer als real. Verstehen Sie, was für ein ungeheurer Satz das ist? Ein Mensch sitzt in seinem Zimmer, etwas geschieht, und hinterher sagt er: das dort drüben war realer als mein ganzes Leben davor.
Ein Unterschied blieb, und er ist köstlich in seiner Ironie. Die Nüchternen nannten das, was sie trafen, am häufigsten Gott. Die anderen, die mit den Substanzen, bevorzugten den Ausdruck Letzte Wirklichkeit. Als achtete der moderne Mensch selbst von Angesicht zu Angesicht mit dem Unaussprechlichen noch darauf, sich nicht zu kompromittieren. Gott, das klingt nach Grossmutter und Weihrauch. Letzte Wirklichkeit, das klingt nach Seminar. Aber was beide beschrieben, war dasselbe. Die Maske wechselt; das Gesicht dahinter bleibt.
Und dann der wesentliche Punkt, der Grund, warum ich Ihnen überhaupt schreibe. Rund zwei Drittel derer, die sich vor der Erfahrung Atheisten nannten, nannten sich danach nicht mehr so. Zwei Drittel! Kein Argument hat sie überzeugt, kein Priester, kein Buch, keine Todesangst. Eine einzige Stunde hat genügt. Die Mehrheit aller Befragten, quer durch alle Gruppen, zählte die Begegnung zu den fünf bedeutsamsten Erfahrungen ihres ganzen Lebens, und Jahre später, in manchen Fällen Jahrzehnte, berichteten sie von anhaltenden positiven Veränderungen: in der Lebenszufriedenheit, im Sinn, im Verhältnis zum eigenen Sterben.
Der Einwand des vernünftigen Menschen
Ich höre Sie schon, den vernünftigen Leser, und ich liebe Sie für Ihren Einwand, denn ich habe ihn selbst tausendmal erhoben. Sie sagen: das beweist nichts. Eine Online-Umfrage, Selbstauskünfte, rückblickend erhoben, eine Stichprobe aus überwiegend weissen Männern, die sich auf eine Anzeige hin gemeldet haben. Das Gehirn produziert solche Zustände eben, und wer einmal überwältigt wurde, deutet sein Leben hinterher um. Punkt.
Sie haben recht. Vollkommen recht. Die Studie beweist nicht die Existenz Gottes, und Griffiths selbst hat das nie behauptet. Sie misst Berichte, nicht Metaphysik.
Aber nun erlauben Sie mir, den Spiess umzudrehen, nur für einen Augenblick, es kostet Sie nichts. Wenn das Gehirn diese Erfahrung produziert, warum produziert es dann immer dieselbe? Warum begegnet der Banker aus Frankfurt demselben wohlwollenden Bewusstsein wie die Krankenschwester aus Ohio und der Student aus São Paulo? Warum trifft nicht jeder seinen eigenen privaten Geist, zusammengesetzt aus Kindheit und Kino? Die Halluzination, sagt man uns, sei das Privateste, was es gibt. Diese hier aber ist merkwürdig öffentlich. Sie hat eine Struktur, eine Grammatik, sie wiederholt sich über Kulturen, Jahrhunderte und chemische Türen hinweg, als gäbe es dort etwas, das sich besuchen lässt.
Ich behaupte nicht, dass es so ist. Ich behaupte nur, dass die bequeme Antwort genau so unbewiesen ist wie die unbequeme, und dass der Mensch, der die eine Glauben nennt und die andere Wissenschaft, sich selbst betrügt.
Was bleibt
Iwan Karamasow sagt irgendwo, das Erstaunliche sei nicht, dass Gott existiert, sondern dass ein solcher Gedanke überhaupt in den Kopf dieses wilden und bösen Tieres Mensch hineingelangen konnte. Die Studie aus Baltimore fügt eine Wendung hinzu, die Iwan gefallen hätte: Der Gedanke gelangt nicht bloss in den Kopf. Er kommt als Erfahrung, ungebeten, überwältigend, und er lässt den Menschen verändert zurück. Nicht zerstört. Zum Besseren verändert, wenn man den Viertausend glauben darf, und warum sollten viertausend Menschen lügen, die nichts davon haben.
Was also machen wir damit, wir, die wir in Kliniken arbeiten, in Laboren, an Schreibtischen? Ich sage Ihnen, was wir nicht tun sollten. Wir sollten nicht so tun, als wäre das alles eine Kuriosität für die hinteren Seiten der Journale. Wenn eine einzige Erfahrung die Angst eines Menschen vor dem Tod dauerhaft senken kann, seine Zufriedenheit mit dem Leben hebt, seinen Sinn vertieft, dann ist das keine Fussnote. Dann ist das eine der grossen unbeantworteten Fragen der Medizin, und sie liegt offen vor uns, und wir gehen an ihr vorbei, wie man an einem Bettler vorbeigeht, dessen Blick man meidet, weil man ahnt, dass er einem etwas zu sagen hätte.
Die Wissenschaft hat die Kellertür geöffnet. Was dort sitzt, nennt der eine Gott und der andere Letzte Wirklichkeit, und vielleicht lächelt es über beide Namen. Aber es sitzt dort. Viertausend Zeugen haben unterschrieben.
Und Sie, lieber Leser? Schlafen Sie gut heute Nacht. Oder vielleicht auch nicht.
Quelle: Griffiths RR, Hurwitz ES, Davis AK, Johnson MW, Jesse R (2019). Survey of subjective "God encounter experiences": Comparisons among naturally occurring experiences and those occasioned by the classic psychedelics psilocybin, LSD, ayahuasca, or DMT. PLOS ONE 14(4): e0214377. Frei zugänglich auf journals.plos.org.
